Was sind eigentlich Triggerpunkte?

Während der Massage ertaste ich sie, zum Beispiel zwischen Schulterblättern und Wirbelsäule. Oft frage ich dann „Hier?“ Oft kommt dann „ja genau!“

Ein Triggerpunkt also. Manchmal zieht der Schmerz in Richtung Schulter oder Arm. Meist fühlt sich die Stelle vertraut an – als würde man sie schon lange kennen. Gelegentlich finde ich aber auch einen empfindlichen Punkt, der bisher noch gar nicht aufgefallen ist.

Doch was ist mit Triggerpunkt gemeint?

Handelt es sich um eine Verspannung in der Muskulatur? Um eine verklebte Faszie? Um einen gereizten Nerv? Befindet sich dort immer auch ein Akupunkturpunkt oder eine Reflexzone? Oder können solche druckempfindlichen Stellen grundsätzlich überall auftreten?

Die kurze Antwort lautet: Der Begriff beschreibt ein reales und häufig wiedererkennbares Erleben – aber noch lange keine abschließend geklärte Struktur.

Und deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen.

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Einordnung. Er stellt keine medizinische Diagnose oder individuelle Behandlungsempfehlung dar. Anhaltende, ungewöhnliche oder starke Beschwerden gehören medizinisch abgeklärt.


Was ist eine Triggerpunkt-Massage?

Bei einer Triggerpunktmassage werden besonders druckempfindliche Stellen in der Muskulatur ertastet und mit dosiertem Druck behandelt. Dadurch können sich Schmerzempfindung und Muskeltonus vorübergehend verändern.

1. Aus welcher Sicht betrachten wir Triggerpunkte?

Wenn wir von Triggerpunkten sprechen, meinen wir die druckempfindlichen Stellen, die uns bei einer Massage oder einer anderen Form manueller Körperarbeit begegnen.

Eine solche Stelle fühlt sich z.B. fester oder gespannter an als ihre Umgebung. Druck kann einen örtlichen Schmerz auslösen, ein bekanntes Beschwerdebild hervorrufen oder in eine andere Körperregion ausstrahlen. Manchmal verändert sich die Empfindlichkeit schon während der Massage. Manchmal bleibt sie aber auch gleich. Oft fühlt sich ein vermeintlich auffälliger Punkt für die behandelte Person überhaupt nicht besonders an.

Wir beschreiben Triggerpunkte in diesem Artikel vor allem aus der Perspektive der Massage, der westlich geprägten manuellen Therapie und der modernen Schmerzforschung.

Das ist wichtig, weil druckempfindliche Punkte auch in anderen Zusammenhängen vorkommen. In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) gibt es definierte Akupunkturpunkte, die Meridianen zugeordnet werden. Darüber hinaus gibt es die sogenannten Ashi-Punkte. Das sind empfindliche Stellen, deren Lage sich nach den aktuellen Beschwerden richtet. Ashi-Punkte können dem, was wir als Triggerpunkt bezeichnen, durchaus ähneln. Aber Triggerpunkte und Akupunkturpunkte nicht nicht dasselbe. Die Begriffe stammen aus unterschiedlichen Denkmodellen, auch wenn sich die Beobachtungen überschneiden.

Noch anders funktionieren sogenannte Reflexzonen. Sie gehen davon aus, dass bestimmte Bereiche an Füßen, Händen oder anderen Körperregionen mit weiter entfernten Organen oder Körperteilen verbunden sind. Aber zurück zum Triggerpunkt.

Der auffallend druckempfindlichen Stelle in der Muskulatur, die einen örtlichen oder auch ausstrahlenden Schmerz hervorrufen kann.

2. Der klassische myofasziale Triggerpunkt

Der Begriff myofaszial steht für die Muskulatur und das Bindegewebe, das die Muskeln umgibt und durchzieht. In der westlichen manuellen Medizin wurde das Triggerpunkt-Konzept maßgeblich durch die Ärzte Janet Travell und David Simons bekannt. Ihr umfangreiches Handbuch prägte die Vorstellung myofaszialer Triggerpunkte. Darin teilten sie die Punkte in verschiedene Gruppen ein und beschrieben die ihnen zugeschriebenen Schmerzmuster. [1]

Travell und Simons beschreiben einen myofaszialen Triggerpunkt als empfindliche Stelle bedingt durch einen angespannten Muskelstrang, des sogenannten taut band. Gemeint ist ein begrenzter Strang eines Muskels, der sich bei der Untersuchung fester oder gespannter anfühlen soll als das umliegende Gewebe.

Druck auf einen solchen Punkt kann einen örtlichen Schmerz auslösen. Manchmal wird dabei ein bereits bekanntes Beschwerdebild wiedererkannt oder die Empfindung strahlt in eine andere Körperregion aus.

Als local twitch response wird eine kurze, unwillkürliche Zuckung von Muskelfasern innerhalb des angespannten Muskelstrangs bezeichnet. Davon zu unterscheiden ist das schützende Zusammenzucken oder Ausweichen der behandelten Person. Beide Reaktionen können auftreten, müssen es aber nicht. [2]

Innerhalb dieses Triggerpunkt-Modells wird außerdem zwischen aktiven und latenten Triggerpunkten unterschieden.

Ein aktiver Triggerpunkt wird mit bereits vorhandenen Beschwerden in Verbindung gebracht. Er kann auch ohne Berührung schmerzen. Vor allem aber löst der Druck darauf ein Symptom aus, das der betroffenen Person bekannt vorkommt.

Ein latenter Triggerpunkt macht sich dagegen üblicherweise erst bei der Untersuchung bemerkbar. Auch er kann bei Druck örtliche oder ausstrahlende Schmerzen auslösen. Diese werden jedoch nicht als Teil des bisherigen Beschwerdebildes wiedererkannt. [2]

3. Was steckt hinter einem Triggerpunkt?

Was ertasten wir eigentlich, wenn wir einen Triggerpunkt finden?

Die ehrliche Antwort ist: Wir wissen es nicht so genau. Es gibt bis heute keinen allgemein anerkannten Test, der einen Triggerpunkt eindeutig nachweisen kann. Bei der Untersuchung orientiert man sich vor allem an Druckempfindlichkeit, einem angespannten Muskelstrang und daran, ob sich ein bekannter Schmerz auslösen lässt.

Dabei kommen verschiedene Untersuchende nicht immer zum selben Ergebnis. Am ehesten sind sie sich darüber einig, ob eine Stelle empfindlich ist und ob die behandelte Person ihren Schmerz wiedererkennt. Deutlich schwieriger ist die übereinstimmende Beurteilung eines taut band oder einer Muskelzuckung. [3]

Das heißt nicht, dass dort nichts ist. Es zeigt nur, wie schwierig es ist, eine gefühlte und ertastete Auffälligkeiten eindeutig zu bestimmen.

Kann man Triggerpunkte sichtbar machen?

Mittlerweile wurde versucht, Triggerpunkte mit Ultraschall, Elastografie und anderen bildgebenden Verfahren zu untersuchen. Dabei wurden an manchen Stellen Unterschiede in der Durchblutung festgestellt. Die Ergebnisse sind interessant, reichen aber nicht für ein allgemein anerkanntes Diagnoseverfahren. Die Studien verwenden unterschiedliche Methoden, und ihre Resultate müssten noch zuverlässiger wiederholt werden. [4] Der Triggerpunkt erscheint also nicht als klar abgegrenzter Knoten auf einem Bild. Zumindest noch nicht.

Auch bei elektrischen Messungen wurden Auffälligkeiten gefunden. In der Nähe mancher Triggerpunkte tritt häufiger eine besondere elektrische Aktivität auf, das sogenannte Endplattenrauschen. Gemeint ist damit eine Aktivität im Bereich der motorischen Endplatte – also dort, wo ein Nerv das Signal zur Anspannung an einen Muskel überträgt. Dieses Rauschen kommt allerdings auch außerhalb von Triggerpunkten vor und ist deshalb kein eindeutiger Beweis. [5]

Die Idee von der lokalen Energiekrise

Eine der bekanntesten Erklärungen ist die sogenannte integrierte Triggerpunkthypothese.

Sie geht vereinfacht davon aus, dass einzelne Muskelfasern in einem begrenzten Bereich nicht mehr vollständig entspannen. Die anhaltende Anspannung benötigt Energie und könnte gleichzeitig kleine Blutgefäße zusammendrücken. Dadurch würden Sauerstoff und Energie schlechter bereitgestellt, während sich Stoffe ansammeln, welche die Umgebung empfindlicher machen. Die Muskelanspannung und die ungünstige Versorgung könnten sich dann gegenseitig aufrechterhalten. [6]

Aus diesem Modell stammt die Vorstellung einer örtlichen „Energiekrise“.

Tatsächlich wurden in einer kleinen Untersuchung Unterschiede in der chemischen Umgebung aktiver, latenter und unauffälliger Muskelstellen gefunden. Bei aktiven Triggerpunkten waren unter anderem höhere Konzentrationen verschiedener Botenstoffe und ein niedrigerer pH-Wert messbar. An der Studie nahmen aber nur neun Personen teil. Sie liefert daher einen interessanten Hinweis, aber keinen Nachweis für die Energiekrisen-Hypothese. [7]

Neuere Ergebnisse machen das Bild nicht einfacher. In einer Untersuchung mit 64 Personen war die Durchblutung aktiver Triggerpunkte nicht vermindert, sondern sogar erhöht. Auch bei Laktat und Glukose fanden sich keine deutlichen Unterschiede zu unauffälligem Muskelgewebe. Die Autoren sahen darin keinen Beleg für die Vorstellung eines dauerhaft zusammengezogenen und schlecht durchbluteten Muskelbereichs. [8]

Ein Punkt oder ein Zusammenspiel?

Es gibt also messbare Auffälligkeiten, die mit Triggerpunkten in Verbindung gebracht werden. Aber keine davon liefert bisher eine vollständige Erklärung.

Möglicherweise spielen Veränderungen an Muskelfasern und motorischen Endplatten eine Rolle. Auch das umgebende Bindegewebe, die lokale Durchblutung und verschiedene Botenstoffe könnten beteiligt sein. Hinzu kommt das Nervensystem, das bestimmt, wie empfindlich eine Stelle reagiert und welche Bedeutung ein Reiz erhält.

Andere Forschende gehen noch weiter und bezweifeln, dass der Triggerpunkt überhaupt als eigenständige krankhafte Struktur existiert. Sie bestreiten damit nicht, dass Menschen empfindliche Stellen, Spannung und ausstrahlende Beschwerden erleben. Infrage gestellt wird vielmehr die Erklärung, dass all diese Phänomene von einem klar abgrenzbaren kleinen Muskelknoten ausgehen. [9]

Der derzeitige Forschungsstand liegt irgendwo zwischen diesen Positionen. Triggerpunkte lassen sich als klinisches Phänomen beschreiben. Es gibt auch erste messbare Unterschiede zum umliegenden Gewebe. Was diese Befunde verursacht, wie sie zusammenhängen und ob sie bei allen Menschen dasselbe bedeuten, ist jedoch weiterhin offen.

Vielleicht ist ein Triggerpunkt deshalb weniger ein Objekt als ein Bereich, in dem mehrere Vorgänge zusammenkommen.

4. Weshalb zieht der Schmerz woanders hin?

Eine der faszinierendsten Eigenschaften von Triggerpunkten ist der übertragene Schmerz.

Dabei wird der Schmerz nicht ausschließlich dort wahrgenommen, wo der Druck entsteht. Eine Stelle im Schulter-Nacken-Bereich kann beispielsweise Beschwerden am Kopf oder in den Armen hervorrufen. Druck auf einen Gesäßmuskel kann in eine andere Region des Beckens oder in ein Bein ausstrahlen.

Solche Empfindungen sind grundsätzlich kein exotisches Phänomen. Das Nervensystem bildet den Körper nicht wie eine millimetergenaue Landkarte ab. Besonders Signale aus tieferen Strukturen wie Muskeln und Gelenken lassen sich zuweilen kaum präzise lokalisieren, wie ein Reiz. auf der Haut.

Im Rückenmark und im Gehirn werden zudem Informationen aus verschiedenen Geweben gemeinsam verarbeitet. Bei länger anhaltender oder wiederholter Reizung kann sich diese Verarbeitung verändern. Das Nervensystem reagiert dann leichter, stärker oder großflächiger.

Übertragener Schmerz ist deshalb real – aber nicht exklusiv für Triggerpunkte. Auch Gelenke, innere Organe und Nerven können Beschwerden hervorrufen, die an einer anderen Stelle wahrgenommen werden.

5. Triggerpunkte, Akupunkturpunkte und Reflexzonen

Die Ähnlichkeit zwischen Triggerpunkten und Akupunkturpunkten könnte darauf hindeuten, dass moderne Anatomie und traditionelle chinesische Medizin im Grunde dasselbe beschreiben.

Doch so einfach ist es nicht.

In der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) sind Akupunkturpunkte Teil eines umfassenden historischen Systems. Sie werden Meridianen zugeordnet und kommen in Konzepten wie Qi, Yin und Yang vor. Myofasziale Triggerpunkte stammen dagegen aus einem neueren klinisch-anatomischen Modell und werden anhand von Druckempfindlichkeit, Muskelspannung und möglicher Schmerzausstrahlung beschrieben.

Überschneidungen gibt es vor allem bei den sogenannten Ashi-Punkten. Das sind vereinfacht gesagt Stellen, die bei Druck empfindlich sind und deshalb behandelt werden. Hier ist die Nähe zum Triggerpunkt sehr deutlich: Beide Konzepte betrachten den Ort, an dem es weh tut oder an dem ein bekannter Schmerz ausgelöst werden kann.

Das bedeutet aber nicht, dass damit das gesamte Meridiansystem anatomisch bestätigt wäre.

Akupunktur kann z.B. bei Schmerzzuständen hilfreich sein. Welche Rolle Erwartung, Zuwendung, Hautreizung, Nervenaktivität und der Behandlungskontext spielen, hängt jedoch stark von der jeweiligen Untersuchung ab. Eine mögliche Wirkung der Methode beweist außerdem nicht automatisch jede traditionelle Erklärung ihrer Wirkung.

Noch weiter entfernt ist die Reflexzonentherapie. Sie geht davon aus, dass bestimmte Flächen etwa an Füßen oder Händen einzelnen Organen und Körperregionen entsprechen.

6. Was geschieht bei einer Massage?

Der Umschalt-Impuls

Manche Stellen fühlen sich an, als würden sie seit langem festsitzen. Der Muskel steht unter Spannung, die Region ist empfindlich und bestimmte Bewegungen scheinen dieses vertraute Gefühl immer wieder hervorzurufen. Daran können anhaltende Muskelaktivität, eingeübte Schutzmuster und eine erhöhte Empfindlichkeit der Schmerzverarbeitung beteiligt sein.

Bei der Massage beginnt die Arbeit deshalb mit dem genauen Tasten mit dem genauen Ertasten, dem sogenannten Palpieren. Ich suche nach Bereichen, die sich gegenüber ihrer Umgebung verändert anfühlen, und achte gleichzeitig auf die Reaktion des Menschen auf der Liege: Ist das die bekannte Stelle? Bleibt die Empfindung örtlich oder zieht sie weiter? Wird der Druck als angenehm, befreiend oder bereits als zu stark erlebt?

Auf diese Weise wird aus der Massage ein kleiner Dialog. Einen Teil davon führen wir mit Worten, einen anderen über Ihre Atmung, Muskelspannung und Bewegungen.

Was der Druck auslöst

Der Druck wird langsam aufgebaut. Dabei werden Haut, Bindegewebe und Muskulatur verformt. Mechanische Sinnesrezeptoren registrieren Berührung, Zug und Druck, während schmerzempfindliche Nervenendigungen die Intensität des Reizes melden. Diese Informationen werden im Rückenmark und im Gehirn verarbeitet. Eine manuelle Berührung wirkt daher immer zugleich auf das Gewebe und auf dessen Wahrnehmung durch das Nervensystem. [10]

Untersuchungen zeigen, dass Massage die Erregbarkeit der an der Muskelsteuerung beteiligten Nervenzellen vorübergehend verändern kann. In kleinen Versuchen wurde während der Massage eine deutlich verringerte Auslösbarkeit des sogenannten H-Reflexes gemessen. Dieser Reflex erlaubt Rückschlüsse darauf, wie leicht bestimmte motorische Nervenzellen gerade ansprechbar sind. [11]

Vereinfacht gesagt: Während der Druck einwirkt, kann sich auch die nervliche Ansteuerung des Muskels verändern. Das passt zu der Erfahrung, dass eine Region unter den Händen allmählich nachgibt oder weniger stark gegen den Druck arbeitet.

Was beim Loslassen geschieht

Während des Drucks wird das Gewebe örtlich komprimiert. Nach dem Loslassen verändert sich die Durchblutung zunächst vor allem oberflächlich; häufig wird die Haut an dieser Stelle wärmer oder rötet sich. Für die Wirkung in der Muskulatur scheint jedoch die Verarbeitung des Reizes mindestens ebenso wichtig zu sein. Bei der Untersuchung aktiver Triggerpunkte im Trapezmuskel ließ sich nach einer Triggerpunktmassage keine erhöhte versorgende Durchblutung des Muskels feststellen. [12]

Auch die mechanische Steifigkeit von Muskeln und Sehnen verändert sich nach bisherigen Messungen nicht einheitlich. Eine Auswertung von 25 Studien fand unmittelbar nach der Massage keine konsistente Abnahme der gemessenen Gewebesteifigkeit. [13]

Die spürbare Veränderung kann daher an mehreren Stellen gleichzeitig entstehen: in der Muskelsteuerung, in der örtlichen Schmerzempfindlichkeit, in der Aufmerksamkeit und in der Bewertung des Reizes. Was vorher als störend oder bedrohlich wahrgenommen wurde, kann sich unter einem langsamen, kontrollierbaren Druck neu sortieren.

Warum die Wirkung so schnell spürbar sein kann

Manchmal tritt die Veränderung direkt unter den Händen ein. Die Empfindung wird weniger stechend, die Ausstrahlung lässt nach, der Atem wird ruhiger und das Gewebe scheint nachzugeben. Beim anschließenden Bewegen fühlt sich die Region freier oder weniger präsent an.

Gerade die Geschwindigkeit dieser Veränderung spricht für eine Beteiligung des Nervensystems. Schmerz und Spannung werden fortlaufend reguliert. Neue Berührungs- und Druckreize können diese Regulation innerhalb kurzer Zeit beeinflussen. Dabei spielen auch Sicherheit, Aufmerksamkeit, Erwartung und die Möglichkeit, den Druck jederzeit verändern zu lassen, eine Rolle. [10]

Der „Umschalt-Impuls“ ist für mich deshalb keine einzelne körperliche Schaltstelle, sondern ein anschauliches Wort für diesen beobachtbaren Moment: Der Reiz verändert sich, die Schutzspannung lässt nach und eine eine seit Langem auffällige Region tritt vorübergehend in den Hintergrund.

Wie lange halte ich den Druck?

Dreißig bis neunzig Sekunden können bei einem ruhigen punktuellen Druck eine praktische Orientierung geben. Wichtiger als die Uhr ist jedoch die Entwicklung der Empfindung.

Ich bleibe an einer Stelle, solange der Druck gut angenommen wird und sich etwas verändert. Der Schmerz kann flächiger oder schwächer werden, seine Ausstrahlung kann nachlassen und die Atmung ruhiger werden. Bleibt die Empfindung unverändert, wird sie schärfer oder beginnt der Körper deutlich gegenzuhalten, reduziere ich den Druck oder gehe weiter.

Oft setze ich innerhalb einer Massage bewusst Pausen und komme später zu bestimmten Punkten zurück. Die einzelnen Druckphasen können dabei auch kürzer ausfallen. So kann ich nach jeder Pause erneut ertasten und erfragen, wie die Stelle inzwischen reagiert. Nach meiner Erfahrung lässt sich der Druck dadurch häufig besser dosieren als bei einem einzigen langen Einsatz.

Das nötige Maß ist bei jedem Menschen und an jeder Körperstelle unterschiedlich. Hier helfen Erfahrung, Rückmeldung und das eigene Gespür für jene feine Grenze, an der ein intensiver Reiz noch als hilfreich und entlastend erlebt wird.

Ich arbeite mit dem Gewebe, nicht dagegen.

7. Der süße Schmerz – wenn Druck wehtut und trotzdem guttut

Manchmal drücke ich während einer Massage auf eine empfindliche Stelle und frage, ob der Druck noch angenehm ist. Die Antwort lautet dann sinngemäß: „Es tut weh – aber auf eine gute Art.“

Umgangssprachlich wird dieses Gefühl als süßer Schmerz oder Wohlweh bezeichnet. Ein medizinischer Fachbegriff ist das nicht. Stattdessen ist es ein Oxymoron, das zwei Begriffe, die sich scheinbar widersprechen, werden miteinander verbindet.

In Literatur und Lyrik beschreibt der „süße Schmerz“ häufig die Gleichzeitigkeit von Sehnsucht, Lust und Leiden. Bei der Massage wird das Bild auf eine körperliche Erfahrung übertragen: Ein Druckreiz schmerzt und fühlt sich dennoch erleichternd oder sogar angenehm an. Die Intensität des Druck ist dabei besonders wichtig. Hierzu gibt es bereits hier einen weiteren Artikel.

Schmerz und Wohlgefühl schließen sich nicht aus

Schmerz besteht nicht nur aus der Frage, wie stark ein Reiz ist. Ebenso wichtig ist, wie wir ihn bewerten.

Ist der Druck erwünscht?
Kommt er an einer Stelle an, die sich schon länger verspannt anfühlt?
Kann ich seine Stärke beeinflussen?
Und vertraue ich darauf, dass er mir nicht schadet?

Ein vorhersehbarer und selbst gewählter Reiz kann anders erlebt werden als ein unerwarteter Schmerz. Er kann intensiv sein, ohne unmittelbar bedrohlich zu wirken.

Genau diese Gleichzeitigkeit wurde in einer kleinen Studie mit 48 gesunden Personen untersucht. Tiefer Druck auf zuvor bestimmte Triggerpunkte war nicht weniger schmerzhaft als der Druck auf Vergleichsstellen. Trotzdem wurde er als weniger unangenehm und stärker erleichternd bewertet. Die angenehme Bewertung war ebenfalls etwas höher, erreichte statistisch aber keinen eindeutigen Unterschied. [10]

Das ist ein interessanter Befund: Wie schmerzhaft etwas ist und wie unangenehm wir es finden, ist nicht unbedingt dasselbe.

Schließt die Berührung ein „Schmerztor“?

Als Erklärung wird häufig die Gate-Control-Theorie genannt. Nach diesem Modell können Berührungs- und Druckreize die Weiterleitung schmerzbezogener Signale bereits im Rückenmark beeinflussen. Daher kennen wir auch den spontanen Reflex, eine gestoßene Stelle zu reiben.

Die beliebte Erklärung, schnelle „gute“ Massagesignale würden das Gehirn erreichen, bevor die langsameren Schmerzsignale dort ankommen, greift allerdings zu kurz. Es handelt sich nicht um ein Wettrennen zum Gehirn. Vielmehr beeinflussen sich unterschiedliche Nervensignale in komplexen Schaltkreisen des Rückenmarks gegenseitig. Hinzu kommen hemmende und verstärkende Einflüsse aus dem Gehirn selbst. [11]

Die Gate-Control-Theorie kann daher einen Teil der Wirkung von Berührung erklären. Für den süßen Schmerz beim Druck auf einen Triggerpunkt reicht sie allein aber nicht aus, denn der Schmerz verschwindet dabei häufig gar nicht. Er bleibt spürbar und wird gleichzeitig als angenehmer oder erleichternd erlebt.

Wenn ein Schmerz einen anderen dämpft

Ein weiterer möglicher Mechanismus ist die konditionierte Schmerzmodulation. Vereinfacht gesagt kann ein deutlicher Schmerzreiz die Empfindlichkeit für andere Schmerzreize vorübergehend herabsetzen. Man könnte auch sagen: Das Nervensystem besitzt Möglichkeiten, Schmerz durch Schmerz zu dämpfen.

In einer Untersuchung mit 60 gesunden Personen löste eine schmerzhafte Nackenmassage eine ähnliche kurzfristige Schmerzhemmung aus wie das Eintauchen der Hand in kaltes Wasser. Bei einer schmerzfreien Massage zeigte sich dieser Effekt weniger deutlich. Allerdings reagierten die Teilnehmenden unterschiedlich, und eine höhere Schmerzstärke führte nicht automatisch zu einer stärkeren Hemmung. [12]

Das ist für die Massagepraxis entscheidend: Ein intensiver Reiz kann schmerzhemmende Prozesse anstoßen. Daraus folgt aber nicht, dass mehr Schmerz auch mehr Wirkung bringt.

Endorphine und Dopamin

Körpereigene Opioide, das Belohnungssystem und verschiedene Botenstoffe sind grundsätzlich an Schmerz, Wohlgefühl und Erleichterung beteiligt. Daraus wird häufig geschlossen, eine kräftige Massage setze Endorphine und Dopamin frei und verwandle den Schmerz dadurch in ein Glücksgefühl.

Für genau diesen Ablauf bei der Triggerpunktmassage gibt es jedoch keine ausreichenden direkten Belege. Die beteiligten Prozesse lassen sich bislang nicht auf einen einzelnen Botenstoff reduzieren.

Ähnlich vorsichtig sollten wir mit der Vorstellung sein, der Muskel entspanne sich unter Druck augenblicklich, werde sofort besser durchblutet und löse dadurch eine Blockade. Muskeltonus und Empfindlichkeit können sich während einer Massage verändern. Ob dabei aber eine konkrete Blockade gelöst wird, ist weder eindeutig messbar noch überhaupt klar definiert.

Das erleichternde Gefühl kann trotzdem vollkommen real sein. Nur seine Erklärung bleibt komplexer.

Süßer Schmerz ist kein Heilungsschmerz

Der Begriff „Wohlweh“ beschreibt eine Empfindung. Er beweist nicht, dass gerade etwas repariert, gelöst oder geheilt wird.

Ein gut tolerierbarer intensiver Druck bleibt kontrollierbar. Man kann dabei weiteratmen, der Körper wehrt sich nicht heftig, und nach dem Nachlassen des Drucks entsteht eher ein Gefühl von Erleichterung.

Ein scharfer, brennender oder elektrischer Schmerz gehört dagegen nicht in diese Kategorie. Das Gleiche gilt für Kribbeln, Taubheit, starke Ausstrahlung, Schwindel oder ein deutliches inneres Alarmgefühl.

Auch wenn ein Reiz zunächst als „gut schmerzhaft“ empfunden wird, darf sich diese Bewertung jederzeit ändern. Aus einem Wohlweh kann ein Zuviel werden. Entscheidend ist deshalb nicht die Vorstellung, ein bestimmtes Maß an Schmerz aushalten zu müssen, sondern die Rückmeldung des Menschen auf der Liege.

Der süße Schmerz liegt nicht an einer objektiv festgelegten Stelle auf einer Schmerzskala. Er entsteht dort, wo Intensität, Freiwilligkeit, Kontrolle und die Aussicht auf Erleichterung zusammenkommen.

8. Bälle, Rollen und Massagegeräte

Die Selbstbehandlung von Triggerpunkten ist inzwischen verbreitet. Es gibt Faszienrollen, harte Bälle, Doppelbälle, Stäbe, Haken und Massagepistolen in allen Lautstärke- und Preisklassen.

Solche Hilfsmittel können nützlich sein. Untersuchungen zum Foam Rolling zeigen vor allem kurzfristige Verbesserungen der Beweglichkeit und teilweise weniger Muskelkater nach Belastung. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass dabei nachweislich Faszien „gelöst“ oder Triggerpunkte dauerhaft entfernt werden. Eine Selbstbehandlung sollte mit Vorsicht erfolgen.

10. Meine pragmatische Sicht als Massagetherapeut

Wenn ich eine druckempfindliche Stelle finde, ist sie für mich zunächst genau das: eine druckempfindliche Stelle.

Sie kann interessant sein. Sie kann mit einem bekannten Gefühl zusammenhängen. Sie kann sich unter ruhigem Druck verändern. Manchmal entsteht danach mehr Bewegungsfreiheit, Wärme oder Leichtigkeit. Manchmal ist eine sanfte, seitliche Verschiebung oder eine Berührung hilfreicher. Und manchmal möchte eine Stelle überhaupt nicht bearbeitet werden.

Deshalb frage ich auch zwischendurch oft, ob es angenehm ist und ich freue mich über Rückmeldung, an welcher Stelle wie viel Druck gewünscht ist.

Ich höre nach Massagen oft, dass die betreffenden Personen sich danach entspannter, beweglicher und mehr bei sich fühlen. Oft auch begleitet von einer folgenden tiefen aber angenehmen Müdigkeit. Schmerzhaftes Areale können vorübergehend weniger empfindlich werden. Berührung und sanfter Druck kann Sicherheit, Ruhe und ein neues Körpergefühl vermitteln.

Triggerpunkte spielen in meinen Massagen grundsätzlich eine wichtige Rolle. Ich achte auf empfindliche Stellen und beziehe sie – immer in Absprache und mit angemessenem Druck – in die Behandlung ein. Daneben biete ich eine eigene Triggerpunkt-Massage an, bei der diese Bereiche gezielter im Mittelpunkt stehen.


Quellen und weiterführende Literatur

[1] Simons, Travell & Simons: Myofascial Pain and Dysfunction: The Trigger Point Manual, 2. Auflage, 1999.

[2] Fernández-de-Las-Peñas & Dommerholt: International Consensus on Diagnostic Criteria and Clinical Considerations of Myofascial Trigger Points, 2018.

[3] Rathbone, Grosman-Rimon & Kumbhare: Interrater Agreement of Manual Palpation for Identification of Myofascial Trigger Points, 2017.

[4] Mazza, Boutin & Chaudhari: Assessment of Myofascial Trigger Points via Imaging: A Systematic Review, 2021.

[5] Simons, Hong & Simons: Endplate Potentials Are Common to Midfiber Myofascial Trigger Points, 2002.

[6] Gerwin, Dommerholt & Shah: An Expansion of Simons’ Integrated Hypothesis of Trigger Point Formation, 2004.

[7] Shah et al.: Biochemicals Associated With Pain and Inflammation Are Elevated in Sites Near to and Remote From Active Myofascial Trigger Points, 2008.

[8] Gerber et al.: Microdialysis Evaluation of Blood Flow, Lactate, and Glucose in Active Trigger Points of Tension-Type Headache Patients and Latent Trigger Points in Healthy Muscle, 2025.

[9] Quintner, Bove & Cohen: A Critical Evaluation of the Trigger Point Phenomenon, 2015.

[10] Lee et al.: Sensory and Emotional Responses to Deep Pressure Stimulation at Myofascial Trigger Points, 2023.

[11] Braz et al.: Transmitting Pain and Itch Messages: A Contemporary View of the Spinal Cord Circuits That Generate Gate Control, 2014.

[12] Wilson et al.: A Psychophysical Study Comparing Massage to Conditioned Pain Modulation, 2021.