4. Beine und Füße

Die Muskeln der Beine und Füße in zwei Schichten, aus der Perspektive der Massage und welche typischen Erfahrungen ich gemacht habe.

Beine werden im Alltag häufig recht großzügig eingeteilt: Oberschenkel, Knie, Wade und Fuß. Unter den Händen zerfällt diese Ordnung schnell in zahlreiche Muskelstränge, Sehnen, Knochenkanten und Übergänge.

Bei der Frage nach Beschwerden wird oft auf die Wade, die Rückseite des Oberschenkels oder die Fußsohle gezeigt. Manchmal fühlt sich das ganze Bein schwer oder gespannt an, während sich beim Tasten einzelne Stellen deutlich hervorheben. Gerade nach langem Stehen, viel Bewegung oder einer ungewohnten Belastung können diese Regionen sehr unterschiedlich reagieren.

Die anatomische Illustration zeigt die Rückseite der Beine. Auf einer Seite sind die oberflächlichen Muskeln zu sehen, auf der anderen wird der Blick auf tiefer liegende Strukturen freigegeben.

Anatomische Darstellung der rückseitigen Oberschenkel- und Wadenmuskulatur auf einer Massageliege
Muskulatur der Oberschenkel- und Unterschenkelrückseite mit oberflächlichen und tieferen Strukturen.

Die Rückseite des Oberschenkels

Die hintere Oberschenkelmuskulatur wird häufig unter dem englischen Sammelbegriff Hamstrings zusammengefasst. Zu ihr gehören der M. biceps femoris, der M. semitendinosus und der M. semimembranosus.

Diese Muskeln verlaufen vom Becken über die Rückseite des Oberschenkels bis zum Unterschenkel. Mit Ausnahme des kurzen Kopfes des Bizeps femoris überqueren sie sowohl das Hüft- als auch das Kniegelenk. Sie strecken die Hüfte, beugen das Knie und sind beim Gehen, Laufen, Aufstehen und Abbremsen von Bewegungen beteiligt. [1]

Der Bizeps femoris verläuft eher an der Außenseite. Semitendinosus und Semimembranosus liegen weiter innen, wobei der Semimembranosus teilweise vom Semitendinosus bedeckt wird.

Bei der Massage lassen sich diese langen Verläufe gut vom kräftigeren Muskelbauch bis zu den schmaler werdenden Sehnen verfolgen. Besonders am Übergang zum Sitzbeinhöcker und oberhalb der Kniekehle treten häufig deutlich tastbare Stränge hervor.

Die Kniekehle als Übergangsraum

In der Kniekehle treffen Oberschenkel und Unterschenkel aufeinander. Ihre oberen Begrenzungen werden durch die Sehnen der hinteren Oberschenkelmuskeln gebildet, ihre unteren durch die beiden Köpfe des Wadenmuskels.

Durch diesen vergleichsweise kleinen Raum ziehen wichtige Nerven und Blutgefäße. Dazu gehören der Schienbeinnerv sowie Kniekehlenarterie und Kniekehlenvene. [2]

Für die Massage ist das eine klare anatomische Grenze. Ich arbeite hier vor allem an den muskulären und sehnigen Rändern und übe im Zentrum der Kniekehle nur sehr zurückhaltenden Druck aus. Gleichzeitig hilft mir diese Region bei der Orientierung: Innen und außen lassen sich die verschiedenen Sehnenzüge besonders gut voneinander unterscheiden.

Die Wade: zwei sichtbare Köpfe und eine tiefere Schicht

Was wir gewöhnlich als Wadenmuskel bezeichnen, besteht vor allem aus zwei übereinanderliegenden Muskeln.

Der oberflächliche M. gastrocnemius bildet mit seinem inneren und äußeren Kopf die typische Form der Wade. Er überspannt sowohl Knie- als auch Sprunggelenk und beteiligt sich deshalb an der Kniebeugung und am Absenken des Fußes.

Unter ihm liegt der breite M. soleus. Er beginnt unterhalb des Kniegelenks und wirkt unmittelbar auf den Fuß. Gastrocnemius und Soleus werden gemeinsam auch M. triceps surae genannt. Ihre Sehnenfasern vereinigen sich zur Achillessehne. [3]

Noch tiefer liegen der M. tibialis posterior, der M. flexor digitorum longus und der M. flexor hallucis longus. Ihre langen Sehnen ziehen hinter dem Innenknöchel weiter in den Fuß und wirken dort auf Fußgewölbe und Zehen. Auch der kleine M. popliteus in der Kniekehle gehört zu dieser tiefen Schicht. [3]

Unter den Händen erscheint die Wade deshalb selten als einheitliche Fläche. Der innere und äußere Muskelbauch können unterschiedlich reagieren, während sich tiefer liegende Spannung eher als breiter Widerstand bemerkbar macht.

Vorderseite und Außenseite des Unterschenkels

Auch wenn unsere Illustration vor allem die Rückseite zeigt, gehören Vorder- und Außenseite zum Gesamtbild.

Direkt neben der gut tastbaren Schienbeinkante liegt der M. tibialis anterior. Gemeinsam mit den langen Zehenstreckern hebt er Fuß und Zehen an. Diese Bewegung sorgt beim Gehen dafür, dass der Fuß während des Vorwärtsschwingens ausreichend Abstand zum Boden gewinnt. [4]

An der Außenseite verlaufen M. fibularis longus und M. fibularis brevis. Ihre Sehnen ziehen hinter dem Außenknöchel entlang. Sie bewegen den Fuß nach außen und beteiligen sich an der Stabilisierung seiner Gewölbe. [5]

Damit besitzt der Unterschenkel mehrere deutlich voneinander getrennte Muskelräume: vorne die Fußheber, außen die Fibularismuskeln und hinten die oberflächliche sowie tiefe Wadenmuskulatur.

Die Achillessehne

Die Achillessehne verbindet die Wadenmuskulatur mit dem Fersenbein. Über sie wird die Kraft von Gastrocnemius und Soleus auf den Fuß übertragen. Dadurch können wir die Ferse anheben, uns beim Gehen abstoßen und auf die Zehenspitzen stellen. Sie ist die kräftigste Sehne des menschlichen Körpers. [6]

Bei der Massage fühlt sie sich deutlich anders an als ein Muskelbauch: schmaler, fester und strangförmig. Ich behandle deshalb vor allem die Übergänge zwischen Wade und Sehne sowie die umgebenden Strukturen. Die Stärke des Drucks richtet sich nach der Empfindlichkeit der Region.

Der Fuß: viele kleine Muskeln auf engem Raum

Der Fuß wird von Muskeln bewegt, die bereits im Unterschenkel beginnen, und von kleineren Muskeln, die vollständig im Fuß liegen. Die langen Sehnen aus dem Unterschenkel verlaufen über das Sprunggelenk bis zu Fußwurzel, Mittelfuß und Zehen.

Die fußeigenen Muskeln werden als intrinsische Fußmuskulatur bezeichnet. Auf der Fußsohle liegen sie in mehreren Schichten. Zur oberflächlichen Schicht gehören der M. abductor hallucis an der Großzehenseite, der M. flexor digitorum brevis in der Mitte und der M. abductor digiti minimi an der Außenseite. [7]

Gemeinsam mit Knochen, Bändern, Sehnen und der kräftigen Plantaraponeurose unterstützen diese Muskeln die Längs- und Quergewölbe des Fußes. Beim Stehen nehmen die Gewölbe Körpergewicht auf; beim Gehen verändern sie ihre Spannung und helfen dabei, den Fuß für den nächsten Schritt wieder zu stabilisieren. [8]

Für die Massage bietet die Fußsohle dadurch eine erstaunlich abwechslungsreiche Landschaft: Ferse, Längsgewölbe, Ballen und Zehen besitzen jeweils eine andere Gewebestruktur und reagieren sehr unterschiedlich auf Druck.

Was ich bei der Massage ertaste

Ich beginne an den Beinen häufig mit größeren, ruhigen Griffen. Dadurch bekomme ich einen ersten Eindruck davon, wie sich die verschiedenen Bereiche anfühlen und wo deutliche Unterschiede auftreten.

An der Oberschenkelrückseite folge ich den langen Muskelzügen vom unteren Gesäßrand in Richtung Knie. An der Wade lassen sich die beiden Köpfe des Gastrocnemius gut erfassen. Anschließend kann ich den Übergang zum tiefer liegenden Soleus und weiter zur Achillessehne verfolgen.

Dabei arbeite ich nicht zwangsläufig in einer geraden Linie von oben nach unten. Manchmal kehre ich nach einer Pause zu einer Region zurück oder nehme den Fuß hinzu, bevor ich die Wade erneut behandle. Wie bei Triggerpunkten kann eine zweite, kürzere Annäherung angenehmer und ergiebiger sein als ein einziger langer Druck.

Am Fuß beginne ich meist breiter an Ferse und Fußsohle. Danach lassen sich einzelne Bereiche des Längsgewölbes, die Ballen und die Zwischenräume der Mittelfußknochen genauer erkunden. Manche Menschen empfinden bereits leichten Druck als intensiv, andere wünschen sich gerade an der Fußsohle eine kräftigere Berührung.

So entsteht auch hier ein Dialog aus Tasten, Rückmeldung und Reaktion.

Vom Fuß bis zum Becken

Die einzelnen Abschnitte des Beines arbeiten bei Bewegung eng zusammen. Der Fuß passt sich dem Untergrund an, die Wadenmuskulatur kontrolliert das Sprunggelenk, das Knie überträgt Kräfte und die hintere Oberschenkelmuskulatur verbindet das Bein mit dem Becken.

Für meine Massage bedeutet das: Eine auffällige Wade lenkt den Blick häufig auch auf Fuß und Oberschenkel. Eine empfindliche Fußsohle kann Anlass sein, den Verlauf der zugehörigen Muskeln und Sehnen am Unterschenkel mit einzubeziehen.

Die anatomische Karte hilft dabei, diese Nachbarschaften zu verstehen. Was sich unter den Händen zeigt, entscheidet anschließend über den tatsächlichen Weg durch die Massage.

Eine wichtige Grenze

Ein plötzlich einseitig geschwollenes, überwärmtes oder gerötetes Bein mit ungewohnten Schmerzen gehört medizinisch abgeklärt. Solche Beschwerden können unter anderem bei einer tiefen Venenthrombose auftreten und lassen sich allein anhand des äußeren Eindrucks nicht sicher einordnen. [9]

Diese Seite vermittelt anatomische Grundlagen aus der Perspektive meiner Massagepraxis. Sie stellt keine medizinische Diagnose oder individuelle Behandlungsempfehlung dar. Neue, starke oder anhaltende Beschwerden sollten medizinisch abgeklärt werden.

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Quellen

[1] Anatomy, Bony Pelvis and Lower Limb: Posterior Thigh – NCBI Bookshelf

[2] Anatomy, Bony Pelvis and Lower Limb: Popliteal Artery – NCBI Bookshelf

[3] Anatomy, Bony Pelvis and Lower Limb: Leg Posterior Compartment – NCBI Bookshelf

[4] Anatomy, Bony Pelvis and Lower Limb: Leg Anterior Compartment – NCBI Bookshelf

[5] Anatomy, Bony Pelvis and Lower Limb: Leg Lateral Compartment – NCBI Bookshelf

[6] Anatomy, Bony Pelvis and Lower Limb: Achilles Tendon – NCBI Bookshelf

[7] Anatomy, Bony Pelvis and Lower Limb: Foot Muscles – NCBI Bookshelf

[8] Anatomy, Bony Pelvis and Lower Limb: Arches of the Foot – NCBI Bookshelf

[9] Tiefe Venenthrombose: Symptome und medizinische Einordnung – Gesundheitsinformation.de