Eine bewegliche Nachbarschaft
Bei der Frage nach Beschwerden wird vor einer Massage häufig auf den Nacken gezeigt. Damit ist aber selten nur der schmale Bereich zwischen Kopf und Schultern gemeint. Die Finger wandern zum Hinterkopf, über den oberen Schulterrand und manchmal bis hinunter zwischen Schulterblatt und Wirbelsäule. Die empfindlichste Stelle kann dabei ein gutes Stück von dem Ort entfernt liegen, an dem die Beschwerden hauptsächlich wahrgenommen werden.

Anatomisch befinden wir uns in der Nachbarschaft von Halswirbelsäule, Schulterblättern, Oberarmen und Hinterkopf. Mehrere Muskeln verbinden diese Bereiche miteinander. Einige liegen großflächig und gut erreichbar an der Oberfläche. Andere verlaufen schmal und verborgen unter ihnen.
Das Schulterblatt spielt dabei eine besondere Rolle. Es besitzt keine direkte gelenkige Verbindung zum Brustkorb, sondern wird überwiegend durch Muskeln geführt und gehalten. Bei Bewegungen des Armes gleitet es über den Rücken, dreht sich und verändert seine Lage. Gleichzeitig setzen an ihm Muskeln an, die bis zu den Halswirbeln und zum Hinterkopf ziehen. [1]
So können eine Stelle am inneren Rand des Schulterblattes, die obere Schulter und der seitliche Nacken Teil desselben Bewegungszusammenhangs sein. Für die Massage bedeutet das: Ich orientiere mich nicht allein an der Stelle, auf die jemand zuerst zeigt. Ich taste den weiteren Schultergürtel ab und beobachte, wie die einzelnen Bereiche auf Druck und Bewegung reagieren.
Der Trapezmuskel
Der M. trapezius, der Trapezmuskel, bildet die große oberflächliche Muskelfläche im oberen Rücken. Er reicht vom Hinterkopf und von der Wirbelsäule bis zum Schulterblatt und zum äußeren Schlüsselbein. Seine verschiedenen Faserzüge heben, senken, drehen und führen das Schulterblatt. [2]
Der obere Teil ist jener Bereich, der im Alltag meistens als „Nacken“ bezeichnet wird. Hier finde ich häufig druckempfindliche Zonen entlang des Schulterrandes, am Übergang zum Hals und etwas weiter innen in Richtung Wirbelsäule. Auch der mittlere Teil zwischen Schulterblatt und Wirbelsäule kann sich deutlich melden.
Weil der Trapezmuskel so groß ist, beschränkt sich die Massage selten auf einen einzelnen Punkt. Ich folge seinem Verlauf, vergleiche beide Seiten und achte darauf, ob sich die Empfindung unter dem Druck verändert oder in eine benachbarte Region weiterzieht.
Der Schulterblattheber
Der M. levator scapulae, der Schulterblattheber, verläuft von den oberen Halswirbeln zum oberen inneren Winkel des Schulterblattes. Er hebt das Schulterblatt und beteiligt sich zugleich an Bewegungen des Halses. Teile des Muskels liegen unter dem Trapezmuskel. [1]
Sein Ansatz am Schulterblatt ist bei vielen Menschen gut zu ertasten. Empfindliche Stellen können sich dort wie ein kleiner, klar begrenzter Punkt anfühlen. Andere liegen etwas höher im seitlichen Nacken. Gerade hier zeigt sich, wie eng Nacken und Schulterblatt anatomisch miteinander verbunden sind.
Die Rautenmuskeln
Unter dem Trapezmuskel liegen der M. rhomboideus minor und der M. rhomboideus major, zusammen die Mm. rhomboidei oder Rautenmuskeln. Sie verlaufen von der Wirbelsäule zum inneren Rand des Schulterblattes und führen es in Richtung Wirbelsäule. Zugleich stabilisieren sie seine Lage bei Bewegungen des Armes. [3]
Die Region zwischen Schulterblatt und Wirbelsäule wird bei der Massage besonders häufig als vertrauter Ort beschrieben: „Genau dort sitzt es.“ Je nach Position des Armes und des Schulterblattes verändert sich, wie gut die tieferen Strukturen erreichbar sind. Deshalb kann bereits eine kleine Änderung der Armhaltung den Tastbefund und die Wahrnehmung des Drucks verändern.
Muskeln am Hinterkopf
Der M. splenius capitis und der M. semispinalis capitis verbinden Abschnitte der Hals- und oberen Brustwirbelsäule mit dem Hinterkopf. Beide sind an der Aufrichtung und Bewegung des Kopfes beteiligt, verlaufen jedoch in unterschiedlichen Richtungen und Gewebeschichten. Der Splenius capitis liegt weiter außen und dreht den Kopf zur gleichen Seite. Der Semispinalis capitis verläuft tiefer und näher an der Wirbelsäule; bei einseitiger Aktivität unterstützt er die Drehung zur Gegenseite. [4]
Bei der Massage begegnen mir diese Muskeln vor allem im Übergang vom Nacken zum Schädelansatz. Die Region ist vergleichsweise klein, enthält aber mehrere übereinanderliegende Strukturen. Ich arbeite dort mit ruhigem, genau dosiertem Druck und beziehe die Rückmeldung des Menschen auf der Liege unmittelbar mit ein.
Ober- und Untergrätenmuskel
Der M. supraspinatus, der Obergrätenmuskel, liegt oberhalb der Schulterblattgräte. Der M. infraspinatus, der Untergrätenmuskel, bedeckt einen großen Teil der Fläche darunter. Beide gehören zur Rotatorenmanschette und tragen dazu bei, den Oberarmkopf bei Bewegungen in seiner Position zu führen. Der Supraspinatus unterstützt besonders das seitliche Anheben des Armes, der Infraspinatus dessen Außendrehung. [5]
Obwohl diese Muskeln unmittelbar auf dem Schulterblatt liegen, können dort ausgelöste Empfindungen bis zur Schulter oder in den Oberarm ziehen. Bei der Massage untersuche ich deshalb auch die Flächen ober- und unterhalb der deutlich tastbaren Schulterblattgräte.
Weitere Muskeln in der Abbildung
Die Illustration zeigt außerdem einige Muskeln, die zur anatomischen Nachbarschaft gehören, auf dieser Seite aber nicht einzeln vertieft werden:
- Der M. sternocleidomastoideus, der große Kopfwender, zieht seitlich vom Brustbein und Schlüsselbein zum Schädel hinter dem Ohr. Er bewegt und stabilisiert den Kopf.
- Der M. scalenus medius gehört zu den tiefer liegenden seitlichen Halsmuskeln. Die Treppenmuskeln beteiligen sich an Halsbewegungen und können bei stärkerer Atmung die oberen Rippen unterstützen.
- Der M. deltoideus, der Deltamuskel, umschließt die Schulter und ist wesentlich an der Bewegung des Oberarms beteiligt.
- Der M. latissimus dorsi, der breite Rückenmuskel, zieht aus dem unteren Rücken zum Oberarm. Dadurch verbindet auch er Bewegungen des Armes mit großen Bereichen des Rückens.
- Der M. serratus posterior inferior, der hintere untere Sägemuskel, liegt im unteren Brust- und oberen Lendenbereich unter dem breiten Rückenmuskel und besitzt Verbindungen zu den unteren Rippen. [6]
Diese zusätzlichen Muskeln machen sichtbar, dass die Grenzen zwischen „Nacken“, „Schulter“ und „Rücken“ vor allem sprachliche Grenzen sind. Auf der Liege begegnet mir ein zusammenhängendes System aus Muskeln, Knochen, Gelenken und Nerven. Die anatomische Orientierung hilft mir dabei, den Druck gezielt zu setzen und dennoch den größeren Zusammenhang im Blick zu behalten.
Die Abbildung und der Text dienen der anatomischen Orientierung im Rahmen einer Massage. Sie ersetzen keine medizinische Untersuchung oder Diagnose.
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Quellen
[1] Anatomy, Head and Neck, Levator Scapulae Muscles – NCBI Bookshelf
[2] Anatomy, Back, Trapezius – NCBI Bookshelf
[3] Anatomy, Shoulder and Upper Limb, Dorsal Scapular Nerve – NCBI Bookshelf
[4] Anatomy, Head and Neck, Neck Movements – NCBI Bookshelf
[5] Anatomy, Shoulder and Upper Limb, Shoulder Muscles – NCBI Bookshelf
